Heute Microsoft, morgen Linux? Europas langer Weg zur digitalen Unabhängigkeit

Europäische Regierungen versuchen, ihre Abhängigkeit von amerikanischen Technologiekonzernen zu verringern. Der Auslöser ist die Sorge, Washington könnte digitale Dienste als politisches Druckmittel einsetzen. Mathieu Pollet und Anouk Schlung berichten für Politico, dass sich das Vorhaben als deutlich schwieriger und kostspieliger erweist als erwartet.

Die Ausgangslage ist eindeutig. Amazon, Microsoft und Google kontrollieren rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Amerikanische Anbieter erhalten 80 Prozent der europäischen Unternehmensausgaben für Software. Behörden-E-Mails, Gesundheitssysteme und Sozialhilfeplattformen laufen auf US-Infrastruktur.

Die Befürchtungen sind nicht abstrakt. Nachdem die USA den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), Karim Khan, sanktionierten, verlor er Berichten zufolge den Zugang zu seinem Microsoft-Konto. IStGH-Richter Nicolas Guillou erging es ebenso. Guillou bezeichnete die Folgen als „eine Art zivilen Tod.“ Eine aktuelle Umfrage zeigt: 86 Prozent der Europäerinnen und Europäer halten eine US-Einschränkung digitaler Dienste für „plausibel.“ 59 Prozent sehen darin bereits ein „reales und konkretes Risiko.“

Deutschlands nördlichstes Bundesland Schleswig-Holstein handelte als erstes. Unter Digital-Minister Dirk Schrödter ersetzte das Land Microsoft Office durch die Open-Source-Alternative LibreOffice. Zwischen April und Oktober 2025 wurden 40.000 E-Mail-Konten von Outlook auf OpenXchange migriert. Bis 2028 sollen alle Windows-Systeme auf Linux umgestellt sein. Bisher hat das Land nach eigenen Angaben 15 Millionen Euro an Lizenzkosten gespart, nach einer Investition von 9 Millionen Euro.

Die Umstellung verlief jedoch nicht reibungslos. Michael Burmeister, Direktor des Amtsgerichts Ahrensburg, berichtete von eingeschränktem E-Mail-Zugang in den Wochen nach der Umstellung. Das habe insbesondere bei zeitkritischen Vorgängen wie Durchsuchungsbefehlen erhebliche Probleme verursacht. Noch Monate später fehlten grundlegende Funktionen wie eine funktionierende Rechtschreibprüfung. Der Mehraufwand betrug laut Burmeister 10 bis 20 Prozent der Arbeitszeit. Die Gewerkschaft ver.di kritisierte unzureichende Schulungen. Oppositionspolitiker warfen der Landesregierung eine überhastete Umsetzung vor.

Amsterdam wählt einen vorsichtigeren Weg. Der frühere Beigeordnete Alexander Scholtes entwarf einen Plan mit Zieldatum 2035. Bis dahin sollen alle sensiblen Daten und kritischen Systeme auf europäischer Infrastruktur liegen. Als Zwischenziel gilt ein Anteil von 30 Prozent europäischer Cloud-Dienste bis 2030. Scholtes beschrieb das Risiko klar: „Wir hätten ein riesiges Problem, wenn Microsoft seine Dienste einstellen würde.“

Allein die erste Phase des Amsterdamer Plans, in der bestehende Abhängigkeiten erfasst und europäische Alternativen getestet werden, kostet mehrere Millionen Euro.

US-Konzerne reagieren mit neuen Produkten, die auf europäischen Governance-Strukturen basieren. Kritikerinnen und Kritiker sprechen von „Sovereignty Washing.“ Der französische Parlamentsabgeordnete Philippe Latombe fasste es knapp zusammen: „Marketingverantwortliche haben gemerkt, dass es sich verkauft.“

Der deutsche Softwareanbieter Nextcloud meldete nach Trumps Amtsantritt eine Verdreifachung der Anfragen und 2 Millionen neue professionelle Nutzerinnen und Nutzer. Das zeigt: Die Nachfrage nach europäischen Alternativen wächst spürbar.

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