Eine Marketing-Agentur aus San Francisco hat den gesamten Inhalt eines Bestseller-Buchs kopiert, die Originalillustrationen durch KI-generierte Bilder ersetzt und eine Website veröffentlicht, die nun in den Suchergebnissen die offizielle Seite überholt. Andy Baio berichtet für Waxy.org, dass die Agentur Qontour die nicht autorisierte Plattform für John Koenigs „The Dictionary of Obscure Sorrows“ ohne Wissen oder Zustimmung des Autors erstellt hat.
Koenig, der über ein Jahrzehnt an der Sammlung erfundener Wörter für unbenannte Gefühle gearbeitet hat, sagte Baio: „Ja Mann, ich hatte nichts damit zu tun. Weiß nicht, was ich davon halten oder tun soll, die Seite ist ziemlich schick. Wirklicher schöner als meine eigene.“
Die Seite enthält den kompletten Text des Buchs – alle 311 Neologismen mit Definitionen und Essays – sowie KI-generierte Illustrationen, die mit DALL-E 2 erstellt wurden und typische visuelle Fehler aufweisen. Ein „Submit A Sorrow“-Feature fordert Besucher auf, ein Gefühl zu beschreiben, und nutzt OpenAIs GPT-4, um automatisch ein neues Wort, seine Etymologie und eine Definition zu generieren. Diese Nutzerbeiträge landen in einer öffentlichen Galerie und stehen unter der CC-Zero-Lizenz.
Qontour, zuvor bekannt als Prompt Digital, bezeichnet das Projekt als Fan-Tribut, integrierte jedoch auf der gesamten Seite eigene Amazon-Affiliate-Codes und verdient so an Buchverkäufen mit. Die Agentur stellt die Seite zudem prominent in ihrem Portfolio dar und bewirbt ihre Kompetenz in „KI-gestützten Bildbibliotheken“ und „umfassender Content-Integration“.
Urheberrechtsverwirrung
Simon & Schuster, der Verlag des Buchs, reichte letztes Jahr zwei DMCA-Takedown-Anträge bei Google ein. Beide Maßnahmen verringerten die Sichtbarkeit der Raubkopie-Seite nicht. Heute erscheint diese Seite als oberstes Ergebnis bei Suchen nach dem Buchtitel, Koenigs Namen und einzelnen erfundenen Wörtern. KI-Chatbots wie ChatGPT und Gemini verweisen ebenfalls auf sie als offizielle Quelle und schreiben das gesamte Projekt fälschlicherweise Koenig und der Agentur gemeinsam zu.
Dieser Vorfall veranschaulicht einen wachsenden Trend: Einzelpersonen und Unternehmen nutzen generative KI, um urheberrechtlich geschützte menschliche Arbeit neu zu verpacken, oft mit dem Ergebnis, dass der ursprüngliche Schöpfer in Suchrankings und KI-Antworten verdrängt wird. Für Content-Profis unterstreicht er die Notwendigkeit klarer Einwilligungsrahmen und proaktiven Markenschutzes, wenn KI geistiges Eigentum leicht scrapen, remixen und weiterverbreiten kann.
Bleib auf dem Laufenden
KI für Contentprofis: die neuesten Tools, Tipps und Trends. Alle 14 Tage in deine Inbox:
