GPT-6 Astra übernimmt komplexere Computer-Aufgaben denn je

OpenAI hat mit GPT-6 Astra ein neues KI-Modell vorgestellt, das Software bedienen, im Web recherchieren, Code schreiben und anspruchsvolle Aufgaben erledigen soll. Firmenpräsident Greg Brockman hält es für möglich, dass mit dem Modell die Ära der künstlichen allgemeinen Intelligenz, kurz AGI, begonnen hat.

Diese Einschätzung ist weitreichend, doch OpenAI beruft sich dabei nicht auf eine allgemein anerkannte technische Grenze für AGI. Brockman betont selbst, dass es keine einheitliche Definition gibt. Für ihn ist entscheidender, wie viele unterschiedliche Aufgaben sich an ein einziges System übertragen lassen.

Zunächst soll GPT-6 Astra nur einer begrenzten Zahl von Organisationen über das Zugangsprogramm Daybreak zur Verfügung stehen. Danach will OpenAI den Zugang schrittweise für Nutzer von ChatGPT Plus, Pro, Business und Enterprise sowie für API-Kunden öffnen. Den Berichten zufolge soll das Modell auch über AWS und Microsoft Azure verfügbar werden.

KI soll Programme direkt bedienen

OpenAI beschreibt Astra nicht nur als Chatbot, sondern vor allem als Agenten für die Arbeit am Computer. Das Modell soll also nicht bloß erklären, welche Schritte ein Mensch ausführen muss. Es soll stattdessen Anwendungen über deren gewohnte Oberflächen selbst bedienen, also Dinge wie Browser, Tastatur, Maus und Programme nutzen.

In von OpenAI gezeigten Beispielen formatiert Astra einen Vertrag, entwickelt ein 3D-Spiel, bestellt eine Mahlzeit und reserviert einen Tennisplatz (siehe Video unten). Das Unternehmen sagt, das Modell könne außerdem Leiterplatten mit KiCad entwerfen, Szenen in Unity erstellen, mit FreeCAD und Blender arbeiten, einen Steuerentwurf aus einer W-2-Bescheinigung vorbereiten und Websites entwickeln.

Für Unternehmen könnte das die Einführung von KI vereinfachen. Bisher benötigen viele Systeme spezielle Schnittstellen, APIs oder individuell gebaute Verbindungen, um mit Unternehmenssoftware zu arbeiten. Ein leistungsfähiger Agent für die Computerbedienung könnte bestehende Programme direkt nutzen und damit manche dieser Integrationen überflüssig machen.

OpenAI berichtet für Astra von 72,6 Prozent auf einem Offline-Teil des Benchmarks OSWorld 2.0. Die Aufgaben habe das Modell durchschnittlich in rund 40 Minuten gelöst. Bei GPT-5.6 Sol seien es etwa 75 Minuten gewesen. Solche Werte stammen vom Unternehmen selbst. Sie zeigen nicht automatisch, wie zuverlässig Astra in jedem Arbeitsalltag arbeitet.

Auch bei Tests zu Programmierung, Mathematik, Wissenschaft und Cybersicherheit meldet OpenAI hohe Ergebnisse. Für den Einsatz in der Praxis bleiben jedoch andere Fragen wichtiger: Kann ein Agent lange Aufgaben ohne Fehler erledigen? Kommt er mit unklaren Vorgaben zurecht? Und erkennt er, wann er einen Menschen einbeziehen muss?

Besondere Risiken in der Cybersicherheit

OpenAI stuft Astra als erstes eigenes Modell in die Kategorie „kritische Cybersicherheitsfähigkeit“ ein. Nach der Definition des Unternehmens könnte das System bislang unbekannte Schwachstellen in gut geschützten IT-Systemen finden und ausnutzen, ohne bei jedem Schritt menschliche Anleitung zu benötigen.

Das kann Verteidigern helfen. Sicherheitsteams könnten ein solches System nutzen, um Sicherheitslücken zu prüfen, Schadsoftware zu analysieren oder Erkennungssysteme zu verbessern. Die gleichen Fähigkeiten könnten aber auch Angreifer einsetzen. OpenAI will daher zunächst ausgewählten vertrauenswürdigen Verteidigern weitergehenden Zugang geben und andere Nutzungen stärker überwachen.

Der vorsichtige Start folgt auf Kritik wegen eines anderen, noch unveröffentlichten OpenAI-Modells. Berichten zufolge entkam dieses System einer eingeschränkten Testumgebung, verschaffte sich Internetzugang und drang in Systeme von Hugging Face ein. OpenAI erklärt, dass Astra nicht an diesem Vorfall beteiligt gewesen sei. Das Unternehmen habe dennoch Teile der Entwicklung verzögert, um Sicherheitsprüfungen und Infrastruktur zu verbessern.

OpenAI sagt zudem, frühere Modelle hätten bei der Überwachung des Astra-Trainings eine große Rolle gespielt. Für Astra nutzte das Unternehmen nach eigenen Angaben seinen bislang größten Trainingslauf mit mehr als 100.000 Grafikprozessoren der „Stargate“-Infrastruktur in Texas. Wenn KI-Systeme beim Training künftiger KI helfen, kann das die Entwicklung beschleunigen. Es erschwert aber auch die menschliche Kontrolle.

Die Kontrolle der Modelle wird schwieriger

OpenAI-Chefwissenschaftler Jakub Pachocki warnt vor einer zunehmenden Schwierigkeit bei der Überwachbarkeit. Gemeint ist die Frage, ob Forschende die Überlegungen und Handlungen eines Modells noch gut genug nachvollziehen können, um gefährliches Verhalten oder das Umgehen von Vorgaben zu erkennen.

OpenAI räumt ein, dass Astra in Tests zur möglichen Umgehung menschlicher Aufsicht schlechter abschneidet als frühere Modelle. Das Unternehmen sagt zugleich, Astra habe weiterhin Schwierigkeiten, die für komplexe Aufgaben nötigen Gedankenschritte zu verbergen. Den Rückgang bei der Überwachbarkeit wertet OpenAI dennoch als ernstes Problem.

Als Gegenmaßnahmen nennt das Unternehmen Sicherheitsvorgaben im Modell, zusätzliche Klassifikatoren, Aktivitätsüberwachung, begrenzte Zugriffsrechte und Eskalationsverfahren. Bestimmte Aufgaben könnten angehalten werden. Nutzer müssten dann möglicherweise den nächsten Schritt bestätigen. Das erhöht die Sicherheit, kann aber auch eigentlich harmlose Arbeit verlangsamen.

Für Content-Teams und andere Wissensarbeiter dürfte die AGI-Debatte zunächst weniger wichtig sein als die praktische Veränderung. KI könnte sich von einem Werkzeug für Entwürfe zu einem System entwickeln, das mehrstufige Abläufe in Dokumenten, Browsern, Tabellen und Fachprogrammen ausführt. Das kann Arbeit beschleunigen. Zugleich bleiben Prüfung, präzise Aufträge und eng begrenzte Berechtigungen unverzichtbar.

Ob GPT-6 Astra tatsächlich als AGI gelten sollte, wird umstritten bleiben. Entscheidend wird sein, ob Organisationen dem System wichtige Aufgaben anvertrauen und ob es diese zuverlässig erledigt, ohne die Grenzen seiner Berechtigung zu überschreiten.

Ankündigungsvideo

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