Google- und Alphabet-Chef Sundar Pichai hat die KI-gesteuerte Neuausrichtung von Google Search verteidigt und zugleich eingeräumt, dass die aktuellen Suchergebnisse in manchen Fällen zu stark meinungsgeprägt sind. Nilay Patel postet für den Decoder-Podcast von The Verge ein ausführliches Gespräch mit Pichai im Anschluss an Googles jährliche Entwicklerkonferenz I/O. Themen waren der Konzernumbau, die Zukunft der Websuche und der Zeitplan bis zur künstlichen allgemeinen Intelligenz (AGI).
Google nach ChatGPT: Umbau von innen
Pichai schilderte, wie der Erfolg von ChatGPT ihn dazu veranlasste, Google grundlegend umzustrukturieren. Er führte die beiden wichtigsten KI-Forschungsgruppen des Unternehmens, Google Brain und DeepMind, zur neuen Einheit Google DeepMind zusammen. Die KI-Infrastruktur bündelte er unter einem eigens eingesetzten Senior Vice President. Die Suche, zuvor auf mehrere Führungskräfte verteilt, unterstellte er einer einzigen Leitung.
Zusätzlich führte Pichai wöchentliche KI-Produktreviews ein, an denen er selbst teilnahm. Jedes KI-Feature, das an Verbraucher ausgeliefert werden sollte, musste diesen Prozess durchlaufen.
„Ich habe das Unternehmen auf KI-first umgestellt“, sagte Pichai. „Ich erkannte, dass wir ein zentrales Modell und ein zentrales Infrastruktur-Team brauchen, das alles antreibt, was wir bei Google tun.“
Verlage rechnen schon mit null Traffic von Google
Besonders spannungsreich wurde das Gespräch beim Thema „Google Zero“. So nennt Patel das Szenario, in dem Google durch direkte Antworten auf der Suchergebnisseite keinen Traffic mehr an externe Webseiten weiterleitet. Pichai hatte diese Idee in früheren Interviews zurückgewiesen. Diesmal konfrontierte ihn Patel mit einem Zitat von Roger Lynch, dem CEO des Medienhauses Condé Nast: „Letztes Jahr habe ich unseren Teams gesagt, geht davon aus, dass es keine Suche gibt. Ihr müsst eure Geschäfte so planen, als wäre der Suchtraffic null.“
Pichai wollte Verlagen nicht vorschreiben, wie sie ihr Geschäft führen sollen. Er betonte jedoch, Google bleibe „dem Ziel verpflichtet, Menschen mit Inhalten aus dem Web zu verbinden.“ Klicks auf minderwertige Inhalte gingen im Zuge verbesserter Suche ohnehin zurück. Zudem habe Google im vergangenen Jahr mehr Links in KI-generierte Übersichten eingebaut.
Als Patel ihm live auf dem Smartphone eine Suchanfrage nach dem „besten Chromebook“ zeigte, bei der die KI-Übersicht, das erste organische Ergebnis und ein Artikel der New York Times drei verschiedene Antworten gaben, gab Pichai zu: „Es ist wahrscheinlich meinungsstärker, als es für die gezeigte Suchanfrage sein sollte.“
Agenten, YouTube und die nächste Phase der Suche
Pichai skizzierte drei Entwicklungsrichtungen für Googles KI-Produkte:
- Ein intelligentes Suchfeld, das nicht nur Antworten liefert, sondern Aufgaben anstoßen kann
- Gemini Spark, eine cloudbasierte Agenten-Plattform für mehrstufige Aufgaben wie das Buchen von Tickets
- Antigravity, eine Coding-Agenten-Plattform, die Google selbst ebenfalls nutzt
Diese Produkte würden langfristig zusammenwachsen, sagte Pichai. Er verglich die zugrunde liegende Logik mit Ordnern oder Notizbüchern: ein gemeinsames Grundelement, das konsistent über verschiedene Google-Oberflächen funktionieren soll.
Zum Thema YouTube bestätigte Pichai, dass Google seine KI-Modelle mit YouTube-Videos trainiert und die YouTube-Suche so umbaut, dass Nutzer direkt in den relevanten Abschnitt eines Videos weitergeleitet werden. Auf die Frage, ob Google bereit sei, mit YouTube-Creators dieselben Konflikte auszufechten wie derzeit mit Verlagen in Urheberrechtsstreitigkeiten, verwies Pichai auf das bestehende Opt-out-Tool für Webpublisher namens Google-Extended. Konkrete Zusagen an Creators machte er nicht.
Öffentliche Skepsis gegenüber KI
Patel konfrontierte Pichai mit Umfragedaten, die eine weitverbreitete Skepsis gegenüber KI zeigen. Junge Menschen lehnten die Technologie demnach aktiv ab, und sieben von zehn Amerikanern seien gegen den Bau neuer Rechenzentren. Pichai wies die Deutung zurück, es handele sich dabei lediglich um ein Marketingproblem.
„Es ergibt für mich Sinn, warum Menschen sich Sorgen machen“, sagte er. „Menschen hören, dass KI viele Jobs vernichten könnte. Warum sollte man da keine Angst bekommen?“
Er forderte mehr Verantwortung der Industrie beim Energieverbrauch und bei der Anpassung von Arbeitsmärkten. Die Öffentlichkeit müsse stärker in Entscheidungen über eine Technologie einbezogen werden, die er als tiefgreifender als Feuer oder Elektrizität bezeichnet.
Wie weit ist AGI entfernt?
Zum Abschluss des Gesprächs erläuterte Pichai eine Aussage von Google-DeepMind-Chef Demis Hassabis, der die I/O-Keynote mit den Worten beendet hatte, die Menschheit stehe „am Fuß der Singularität.“ Pichai erklärte, er und Hassabis verstünden die Singularität in diesem Kontext als das Eintreten von AGI. Damit meinen sie KI-Systeme, die ein breites Spektrum kognitiver Aufgaben auf menschlichem Niveau bewältigen können.
Unter Spitzenforschern im KI-Bereich herrsche breiter Konsens, dass AGI „eher früher als später“ komme, so Pichai. Manche setzten den Zeitpunkt auf etwa drei Jahre an. Ein genaues Datum nannte er nicht. Er argumentierte zudem, dass die Geschwindigkeit des aktuellen Fortschritts dieses Label weniger wichtig als die praktische Realität mache.
„Ob wir es in drei Jahren AGI nennen oder nicht ist unwichtig“, sagte Pichai, „weil es sehr, sehr mächtig sein wird und darauf müssen wir uns vorbereiten.“
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