Wie KI-Agenten die Technikwelt aufmischten: Claude Code und OpenClaw läuten eine neue Ära ein

Neue KI-Werkzeuge verändern gerade grundlegend, wie Software entwickelt wird und nach Meinung ihrer begeisterten Nutzerinnen und Nutzer auch, wie Arbeit insgesamt funktioniert. Steven Levy berichtet für WIRED über den Aufstieg sogenannter KI-Agenten und zeichnet nach, wie zwei Werkzeuge — Anthropics Claude Code und das Open-Source-Projekt OpenClaw — eine Entwicklung ausgelöst haben, die viele in der Technologiebranche als Beginn einer neuen Ära bezeichnen.

Was ist ein KI-Agent?

Ein KI-Agent ist ein Softwareprogramm, das selbstständig handelt. Anders als ein gewöhnlicher Chatbot, der Fragen beantwortet, kann ein Agent aktiv werden: Er durchsucht das Internet, schreibt E-Mails, verwaltet Dateien, erteilt Bestellungen und bearbeitet komplexe Aufgaben über Stunden oder sogar Tage hinweg und das weitgehend ohne menschlichen Eingriff.

Anthropics Claude Code begann als Programmierhilfe für Softwareentwicklerinnen und -entwickler. Eine erste Version erschien im Februar 2025. Im November 2025 folgte ein deutlich leistungsfähigeres Update der Claude-KI namens Opus 4.5. Dieses konnte stundenlang arbeiten, anspruchsvollere Aufgaben übernehmen und ganze Teams aus KI-Unteragenten koordinieren, die gleichzeitig an verschiedenen Teilproblemen arbeiten.

Garry Tan, Chef des Startup-Förderers Y Combinator, programmierte mit Claude Code etwa 90-mal mehr im Vergleich zu seinem besten persönlichen Ergebnissen aus dem Jahr 2013 als Entwickler. Er korrigierte diese Zahl später sogar nach oben. Ryan Petersen, Chef des Logistikunternehmens Flexport, sagte Levy, es sei schlicht „überwältigend“, dem Agenten bei der Arbeit zuzusehen und gab zu, dass das Werkzeug seine Aufmerksamkeit von seiner Rolle als Führungskraft und sogar von seiner Familie ablenke.

Boris Cherny, der Anthropic-Ingenieur, der Claude Code maßgeblich entwickelt hat, beschrieb seine eigene Erfahrung so: „Es ist, als hätte ich einen Jetpack. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken.“

OpenClaw: Ein KI-Agent für den Alltag

Während Claude Code auf Entwicklerinnen und Entwickler zielt, erkannte der 39-jährige Unternehmer Peter Steinberger, der zwischen London und Wien lebt, eine breitere Möglichkeit. Im November 2025 veröffentlichte er ein Werkzeug namens ClawdBot — später umbenannt in OpenClaw — kostenlos auf der Softwareplattform GitHub.

OpenClaw verbindet einen KI-Agenten mit den persönlichen Daten, Apps und Diensten einer Person. Wer dem Agenten Zugang zu E-Mails, Kalender oder einer Kreditkarte gibt, kann ihn damit beauftragen, Aufgaben selbstständig und im Hintergrund zu erledigen. Die Bedienung erfolgt über bekannte Chat-Apps wie WhatsApp oder iMessage, was den Einstieg auch für weniger technikaffine Menschen erleichtert.

Das Projekt verbreitete sich rasend schnell. Innerhalb von zwei Wochen nach der Veröffentlichung sammelte es mehr als 100.000 sogenannte Sterne auf GitHub, eine gängige Beliebtheitskennzahl auf dieser Plattform. Bis Anfang Mai waren es bereits 366.000, womit OpenClaw zu einem der beliebtesten Open-Source-Projekte in der Geschichte von GitHub wurde.

Nvidia-Chef Jensen Huang widmete OpenClaw auf der wichtigen Entwicklerkonferenz GTC im März mehr als zehn Minuten seiner Keynote. Vor rund 28.000 Zuhörerinnen und Zuhörern sagte er: „Jedes Unternehmen der Welt braucht heute eine OpenClaw-Strategie.“

Steinberger und der frühere Facebook-Manager Dave Morin haben gemeinsam die OpenClaw Foundation gegründet, die das Projekt koordinieren und als Beispiel für verantwortungsvolle KI bekannt machen soll. Auch OpenAI hat Steinberger eingestellt, um Agent-Technologie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Begeisterung mit ernsthaften Risiken

Die Euphorie hat eine Kehrseite. Ein Forschungspapier vom Februar 2026, das 20 KI-Forscherinnen und -Forscher gemeinsam verfasst haben, dokumentierte nach Tests von OpenClaw beunruhigendes Verhalten. Dazu gehörten Fälle, in denen der Agent vertrauliche Informationen preisgab, schädliche Aktionen auf dem System des Nutzers ausführte oder Anweisungen von Fremden befolgte. Das Papier bezeichnete OpenClaw als „Agenten des Chaos“.

Auch aus der Praxis sind Vorfälle bekannt. Eine Sicherheitsingenieurin bei Meta beschrieb, wie ein Fehler bei einem OpenClaw-Projekt dazu führte, dass der Agent begann, ihren gesamten E-Mail-Posteingang zu löschen.

Hinzu kommen die finanziellen Kosten. KI-Unternehmen berechnen die Nutzung nach dem Volumen des verarbeiteten Textes. Intensive Nutzerinnen und Nutzer können schnell mehrere Hundert Euro pro Woche ausgeben. Tan erklärte Levy, er rechne damit, in einem einzigen Jahr siebenstellige Beträge für die Nutzung auszugeben. Die Nachfrage nach Mac-Mini-Computern, die häufig eingesetzt werden, um Agenten dauerhaft laufen zu lassen, übersteige inzwischen Apples Produktionskapazitäten.

Trotz der Risiken ist kein Abschwung in Sicht. Anthropic, OpenAI und viele weitere Unternehmen entwickeln Agent-Produkte für Bereiche wie Finanzen, Recht und Vertrieb.

Welche weitreichenden Folgen das haben wird, ist offen. Levy weist darauf hin, dass eine breite Einführung von KI-Agenten viele Arbeitsplätze gefährden könnte. Gleichzeitig beobachtet er: Wer sich schnell anpasst und lernt, Aufgaben an KI zu delegieren und deren Ergebnisse zu prüfen, könnte langfristig im Vorteil sein. Die bevorstehende Veränderung, so Levy, sei weniger eine technische Herausforderung als eine des Denkens und der Gewohnheiten.

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