Die Skepsis gegenüber künstlicher Intelligenz wächst in den USA, obwohl Tech-Konzerne Milliarden in die Technologie investieren. Proteste, Klagen, Wahlkämpfe und Tarifverträge sind zu Werkzeugen geworden für Menschen, die gegen eine Industrie vorgehen, die aus ihrer Sicht zu schnell handelt und ihre Bedenken ignoriert.
Eine Pew-Umfrage aus dem Jahr 2025 ergab, dass fünfmal so viele Amerikaner besorgt über KI sind, wie es begrüßen. Eine Gallup-Umfrage zeigte, dass 80 Prozent der Amerikaner Regeln für KI wollen — auch wenn das die Entwicklung der Technologie verlangsamt. Die Verbreitung stagniert: Im vierten Quartal 2025 gaben 38 Prozent der Beschäftigten gegenüber Gallup an, dass ihr Arbeitsplatz KI integriert habe — ein Wert, der sich gegenüber dem Vorquartal kaum verändert hatte. Eine Umfrage des National Bureau of Economic Research ergab zudem, dass 80 Prozent der Unternehmen keine Auswirkungen von KI auf ihre Produktivität meldeten.
Sam Altman, Chef von OpenAI, räumte die Lage auf einer Konferenz ein. Die Verbreitung von KI in Wirtschaft und Gesellschaft verlaufe „überraschend langsam“, sagte er. Jensen Huang, Chef des Chip-Herstellers Nvidia, machte Kritiker für eine „Untergangsstory“ verantwortlich, die das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Technologie schädige.
Widerstand aus vielen Richtungen
Der Widerstand kommt aus dem gesamten politischen Spektrum und aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen:
- Aktivisten haben laut Forschern von Data Center Watch in einem einzigen Quartal Rechenzentrum-Projekte im Wert von 98 Milliarden Dollar blockiert. Sie nennen Stromkosten, Wasserverbrauch und Lärm als Gründe.
- Krankenpflegerinnen und -pfleger in 17 Krankenhäusern erkämpften Tarifschutz, der Krankenhäusern vorschreibt, registriertes Pflegepersonal in Entscheidungen über KI-Technologien in der Patientenversorgung einzubeziehen.
- Eine Filmemacherin betreibt ein Filmfestival in Los Angeles, das ausschließlich Filme zeigt, die ohne KI produziert wurden.
- Ein ehemaliger Google-Ingenieur verließ das Unternehmen und organisiert seitdem Tech-Beschäftigte rund um Bedenken zum Einsatz von KI in Militärverträgen.
- Religiöse Führungspersönlichkeiten halten Foren ab und warnen vor den Folgen von KI für Gemeinschaftsbindungen und die psychische Gesundheit von Jugendlichen.
- Politische Kandidaten machen Limits für Rechenzentren zu einem Wahlkampfthema.
Die Stromkosten von KI-Rechenzentren sind zu einem wesentlichen Streitpunkt geworden. Studien zeigen, dass Bewohner in Regionen mit Rechenzentren höhere Stromrechnungen zahlen, weil die Kosten für Netzausbau an Verbraucher weitergegeben werden. Im US-Bundesstaat Georgia genehmigte die Aufsichtsbehörde für öffentliche Versorgungsunternehmen zwischen 2023 und 2025 beispielsweise sechs Preiserhöhungen.
Tech-Unternehmen haben mit einigen Zugeständnissen reagiert. Microsoft, Anthropic und OpenAI haben etwa zugesagt, mehr für Stromkosten zu zahlen. Kritiker halten diese Schritte jedoch für unzureichend. „Ich bin nicht sicher, ob wir dieser Industrie vertrauen können, ohne weiteren Druck Änderungen vorzunehmen“, sagte Maria Raine, deren Familie OpenAI nach dem Tod ihres Sohnes verklagte.
Finanzanalysten sehen Parallelen zwischen dem KI-Boom und früheren Spekulationsblasen. „Ich kann mich nicht an einen Boom mit so aktiver Feindseligkeit erinnern“, sagte William Quinn, Co-Autor einer Geschichte über Finanzkrisen. Anders als frühere Technologie-Booms — bei denen die Öffentlichkeit direkt mitmachen konnte, wie in der Dotcom-Ära — erleben die meisten Menschen KI als etwas, das ihnen aufgezwungen wird.
Microsoft-Chef Satya Nadella erkannte die Herausforderung. Beim Wirtschaftsforum in Davos warnte er, KI riskiere, die „gesellschaftliche Genehmigung“ zu verlieren, wenn Menschen keine Verbesserung in ihrem Leben wahrnehmen.
Quellen: Time Magazine, New York Times
