Künstliche Intelligenz verdrängt Berufseinsteiger in einem wachsenden Tempo. Das zeigen neue Daten des Stanford-Ökonomen Erik Brynjolfsson gemeinsam mit ADP Research. Grundlage ist das sogenannte Canaries Dashboard, das Gehaltsabrechnungsdaten von rund einem Sechstel aller amerikanischen Beschäftigten in mehr als 730 Berufen auswertet.
Auf den ersten Blick wirken die Zahlen unauffällig. In den Berufen mit dem höchsten KI-Einfluss sank die Beschäftigung bis April 2026 um lediglich 0,2 Prozent im Jahresvergleich. Nach Berufserfahrung aufgeschlüsselt ergibt sich jedoch ein anderes Bild.
Große Unterschiede nach Karrierephase
- Beschäftigte zwischen 22 und 25 Jahren in stark KI-beeinflussten Berufen: minus 3,8 Prozent pro Jahr
- Beschäftigte zwischen 31 und 34 Jahren in denselben Berufen: minus 1,7 Prozent pro Jahr
- Beschäftigte zwischen 35 und 40 Jahren in denselben Berufen: plus 2 Prozent pro Jahr
Der Grund ist strukturell. KI übernimmt zuerst Routineaufgaben: zusammenfassen, formatieren, terminieren, Informationen aufbereiten. Genau diese Aufgaben werden typischerweise Berufseinsteigern übertragen. Erfahrenere Arbeitnehmer verfügen über schwer automatisierbares, berufsspezifisches Wissen. Jüngere haben diesen Schutz noch nicht aufgebaut.
ADP-Chefökonomin Nela Richardson unterscheidet zwischen Augmentierung und Automatisierung. Wo KI menschliche Arbeit ergänzt, bleibt die Beschäftigung stabil. Wo KI Aufgaben vollständig ersetzt, schrumpft sie. Berufseinsteiger sind überwiegend in der zweiten Kategorie.
Brynjolfsson hat den Befund gegen verschiedene Gegenerklärungen geprüft: Zinssensitivität, zu schnelles Wachstum im Tech-Sektor, Verzerrungen durch Homeoffice. Er hat sogar die gesamte Technologiebranche aus den Daten herausgerechnet. Das Muster blieb in jedem Fall bestehen. „Was auch immer es ist“, sagte er gegenüber Fortune, „es verschwindet nicht.“
Der Rückgang hat sich nicht umgekehrt. Seit der ersten Messung wächst er um etwa einen halben Prozentpunkt pro Monat. Das Dashboard wird kontinuierlich aktualisiert.
Auf politischer Ebene hat sich unterdessen eine Unternehmenskoalition formiert. Amazon, Bank of America, OpenAI und Anthropic gehören zu den Geldgebern einer neuen gemeinnützigen Organisation namens Raise Us, die 500 Millionen Dollar eingesammelt hat. Geleitet wird sie von der früheren US-Handelsministerin Gina Raimondo. Die Organisation finanziert Pilotprogramme in vier US-Bundesstaaten. Schwerpunkte sind Umschulung, Lohnversicherung für Arbeitnehmer, die schlechter bezahlte Stellen annehmen, sowie Beratung für Unternehmen, die Mitarbeitende intern versetzen statt entlassen wollen.
Ob Umschulungen mit dem Tempo der Verdrängung mithalten können, bleibt offen. Ein Politikforscher sagte der New York Times: „Was wir heute für widerstandsfähig halten, muss es morgen nicht mehr sein.“
Quellen
- ‚It’s not going away‘: The Stanford economist who called the AI entry-level jobs crisis early has the receipts – Fortune
- Big Companies Aim to Ease A.I. Transition for American Workers – The New York Times
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