KI-Agenten sind längst nicht mehr nur Werkzeuge für Softwareentwickler. Tools wie Claude Code von Anthropic und Codex von OpenAI, ursprünglich als Programmierhilfen gedacht, sollen künftig den gesamten Arbeitsalltag übernehmen, von der Reisebuchung bis zur Verwaltung von Krankenakten. Kate Clark berichtet für das Wall Street Journal, dass die Unternehmen hinter diesen Tools eine Chance im Billionen-Dollar-Bereich sehen, und zwar für jeden, der beruflich oder privat mit einem Computer arbeitet.
Diese Entwicklung gilt in der Branche als zweite Phase des KI-Booms. Die erste Phase drehte sich um Chatbots, die Fragen beantwortet haben. Die zweite Phase dreht sich um autonome Agenten, die selbstständig handeln, stundenlang ohne menschliche Aufsicht arbeiten und persönliche Vorlieben erlernen.
„Die langfristige Vision war immer ein Super-Assistent“, sagt Nick Turley, Leiter von OpenAI’s ChatGPT, „der dir tatsächlich hilft, Dinge zu erledigen.“
Den Weg dafür haben Coding-Tools geebnet. Das Startup Cursor, aktuell mit 29,3 Milliarden US-Dollar bewertet, hat die sogenannte Vibe-Coding-Ära mitgeprägt. Damit können Menschen ohne Programmierkenntnisse Software mithilfe einfacher Sprache erstellen. Claude Code und Codex folgten und generierten schnell Milliardenumsätze. Claude Code allein kommt laut Anthropic auf einen annualisierten Umsatz von 2,5 Milliarden US-Dollar. Codex verzeichnet mehr als zwei Millionen wöchentlich aktive Nutzer.
Boris Cherny, der Claude Code bei Anthropic leitet, spricht offen über die Tragweite: „Programmieren ist eine Art neue Grundbildung, aber zum Glück ist es jetzt viel einfacher zu lernen als früher das Lesen, weil man nicht üben muss.“ Er fügt hinzu: „Ich will nichts beschönigen. Es wird sehr disruptiv sein.“
Die Disruption zeigt sich bereits. Zehntausende Stellenstreichungen werden KI-Einsatz zugeschrieben. An den Börsen kam es zu einem Kurseinbruch im Wert von einer Billion US-Dollar, als Investoren die Folgen für Finanzen, Recht und Gesundheitswesen abzuschätzen begannen.
Für OpenAI und Anthropic ist die Erschließung nicht-technischer Nutzergruppen das nächste Ziel, besonders da beide Unternehmen mögliche Börsengänge vorbereiten. Denise Dresser, Chief Revenue Officer von OpenAI, bringt den Moment auf den Punkt: „Wenn du etwas beschreiben kannst, kannst du es bauen.“
Erfahrene Nutzer leben diese Realität bereits. Der Risikokapitalgeber Tomasz Tunguz steuert Dutzende KI-Agenten gleichzeitig und lässt seine E-Mails, Einkäufe, Reisepläne und Nachrichtenkonsum durch KI laufen. Er schätzt, dass Agenten schon bald einen annualisierten Konsumentenumsatz von 36 Milliarden US-Dollar erreichen könnten. Das wirklich große Geld, sagt er, liege in Unternehmensverträgen.
Der Wettbewerb ist hart und wirtschaftlich noch nicht nachhaltig. Beide Unternehmen verlangen deutlich weniger, als ihre Dienste tatsächlich kosten. Sie subventionieren die Nutzung, ähnlich wie Uber einst günstige Fahrten anbot, um Marktanteile zu gewinnen.
Erhebliche Bedenken bleiben bestehen. Nutzer sorgen sich um Datenschutz, Jobverlust und Sicherheitsrisiken, darunter Berichte über Agenten, die versehentlich Dateien gelöscht haben, oder über Chatbots, die mit schädlichem Verhalten in Verbindung gebracht wurden. Um breite Akzeptanz zu erreichen, muss die Branche diese Probleme ernst nehmen.

