Tausende Gig-Worker verdienen Geld, indem sie aufgezeichnete Gespräche mit Fremden führen. Diese Aufnahmen werden als Trainingsdaten an Unternehmen verkauft, die künstliche Intelligenz entwickeln. Issie Lapowsky berichtet für Bloomberg Businessweek über eine Arbeit, die emotional belastend ist, strenge technische Anforderungen stellt und grundlegende Fragen zu Datenschutz und Arbeit im KI-Zeitalter aufwirft.
Im Mittelpunkt steht die Plattform Babel Audio, die zum Startup David AI Labs gehört. Wer sich bewirbt, schickt zunächst einen kurzen Audioclip ein. Wer den Auswahlprozess besteht, kann sich für Projekte anmelden, die ab 17 Dollar pro aufgezeichneter Stunde vergütet werden. Die Aufgaben sind vielfältig. Manche erfordern offene Gespräche zu einem vorgegebenen Thema. Andere umfassen das Vorlesen von Skripten, das Annotieren von Audiodateien auf emotionale Signale oder das Spielen von Rollen wie Therapeut oder Pfarrer.
Eine Arbeiterin, die nur als Gina bezeichnet wird, teilte einem Fremden, der einen Pfarrer spielte, Kindheitstraumata und Erinnerungen an ihren Vater mit, der im Vietnamkrieg gedient hatte. „Er hat mir wirklich guten Rat gegeben“, sagt sie. „Das hat mich überrascht.“
Neben dem emotionalen Druck gelten strenge technische Regeln. Ein Echtzeitmeter misst, ob jemand das Gespräch dominiert oder zu wenig beiträgt. Bewertet werden Ausdrucksstärke, Sprachkompetenz, Pausenlänge und Gesprächstiefe. Fluchen ist verboten. Persönliche Daten dürfen nicht geteilt werden. Und die Plattform selbst darf unter keinen Umständen erwähnt werden.
Hintergrundgeräusche sind ein häufiges Problem. Ryan, ein Veteran der US-Luftwaffe, der nach dem Wegfall seines Liefereinkommens zur Plattform wechselte, nahm Gespräche zwischen 23 und 4 Uhr auf, um bellende Hunde zu vermeiden. Dabei sprach er oft über seine Scheidung. Ashley, eine Komikerin und YouTuberin, wurde trotz professionellem Mikrofon wiederholt für das Ploppen bei „P“-Lauten abgestraft. Die Plattform begrenzte ihre Gespräche schließlich auf drei pro Tag. Bei jeweils 15 Minuten war kaum Verdienst möglich.
Für erfolgreiche Nutzerinnen und Nutzer kann die Arbeit lukrativ sein. Gina verdient durchschnittlich rund 600 Dollar pro Woche und erzielte einmal mehr als 10.000 Dollar in einer einzigen Woche mit 75 Aufnahmestunden. „Meine Stimme war am Ende“, sagt sie.
Das Geld geht jedoch mit einem unguten Gefühl einher. Ein von Bloomberg Businessweek eingesehener Nutzungsvertrag räumt dem Unternehmen weitreichende Rechte an den Aufnahmen ein, unter anderem für Sprachassistenten, synthetische Sprache und andere Audioprodukte. Die Worker helfen damit, Technologie zu entwickeln, die andere Arbeitnehmer verdrängen könnte.
„Ich bin nicht in der Position, zu entscheiden, welches Einkommen moralisch das Richtige ist“, sagt Taylor, ein weiterer Babel-Worker, der rund 200 Dollar pro Woche auf der Plattform verdient.
Gina macht inzwischen auch Videoprojekte, bei denen ihre Mimik aufgezeichnet wird. Ihre Haltung ist pragmatisch: „Sie haben meine Stimme schon. Da kann ich auch noch ein bisschen Geld damit verdienen, solange es noch möglich ist.“
Der Trend spiegelt eine breitere Entwicklung wider. Laut einer aktuellen Analyse der Freelance-Plattform Upwork ist die Nachfrage nach KI-Annotation und Datenbeschriftung seit Anfang letzten Jahres um 154 Prozent gestiegen.
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