Hinter den Kulissen der KI-Entwicklung arbeiten keine anonymen Techniker. Viele der Menschen, die KI-Systeme trainieren, sind erfahrene Fachleute aus Branchen, die durch die Technologie selbst in die Krise geraten sind. Ruth Fowler schreibt für das Magazin Wired über ihre Erfahrungen als Hollywood-Drehbuchautorin und Showrunnerin, die acht Monate lang für KI-Trainingsfirmen gearbeitet hat, um ihre Miete zu bezahlen.
Fowler beschreibt eine fragmentierte Gig-Economy, in der Arbeitnehmende ohne Vorwarnung eingestellt und entlassen werden. Die Kommunikation läuft über Slack-Kanäle und Nachrichten mitten in der Nacht. Sie arbeitete für Unternehmen wie Mercor, Outlier, Turing, Task-ify und Handshake. Ihre Aufgaben reichten von der Bewertung von Chatbot-Antworten über Videoannotation bis hin zu sogenanntem Red-Teaming, also dem gezielten Testen von Sicherheitslücken in KI-Systemen.
Der Ausgangspunkt war der Hollywood-Streik von 2023, der unter anderem geführt wurde, um den Einfluss von KI auf Film- und Fernsehproduktionen zu begrenzen. Als sich die Branche nicht erholte, suchten viele Mitglieder der Writers Guild of America nach alternativen Einkommensquellen. Ein Kommentar in einer WGA-Facebook-Gruppe bewarb 150 Dollar pro Stunde für Autorinnen und Autoren. Die Realität war deutlich ernüchternder.
Fowler schildert einen zermürbenden Kreislauf: unbezahltes Onboarding, wochenlange Wartezeiten ohne Aufgaben, nächtliche Projektstarts und abrupte Kündigungen ohne Erklärung. „Das sind keine Jobs, das sind Aufgaben, und wir sind Aufgabenlöser“, teilte ihr eine Teamleiterin mit. Die Arbeitenden gelten als selbstständige Auftragnehmer, sogenannte Independent Contractors. Das bedeutet: kaum rechtlicher Schutz, keine stabile Planung, keine Absicherung bei plötzlichem Jobverlust.
Die Stundenlöhne sind stark gesunken. Anfang 2025 wurden für Expertenpositionen noch 150 Dollar pro Stunde ausgeschrieben. Anfang 2026 lagen viele Expertenstellen bei rund 50 Dollar, einfache Annotationsaufgaben teils bei 16 Dollar pro Stunde, was für manche Beschäftigte in Kalifornien unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegt. Mehrere Klagen wurden eingereicht mit dem Vorwurf, Mercor stufe seine Arbeitskräfte zu Unrecht als Selbstständige ein.
Mercor erklärte gegenüber Fowler, das Unternehmen beschäftige rund 300 festangestellte Mitarbeitende und zusätzlich etwa 30.000 freie Auftragnehmer. Das Unternehmen teilte mit, es bemühe sich, Änderungen „so frühzeitig wie möglich“ anzukündigen.
Die Belegschaft bestand laut Fowler überwiegend aus Fachleuten in den Dreißigern und Vierzigern, viele mit Hochschulabschluss und langjähriger Berufserfahrung. Geleitet wurden sie von Hochschulabsolventen ohne nennenswerte Berufspraxis. Die Leistungsbewertung war undurchsichtig und inkonsistent. Beförderungen in übergeordnete Rollen brachten keine bessere Bezahlung.
Die psychische Belastung war erheblich. Fowler beschreibt, wie sie Mahlzeiten abbrach, ihr Kind abwimmelte und die Nächte durcharbeitete, um Aufgaben zu sichern, die am nächsten Morgen bereits vergriffen sein könnten.
Fowler kommt zu einem deutlichen Schluss: Die Entwicklung leistungsfähigerer KI-Systeme stützt sich auf eine bewusst instabil gehaltene Arbeitnehmerschaft. „Um die Maschine menschlicher zu machen“, schreibt sie, „machen sie uns mehr wie die Maschine.“
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