Hochverdienende Arbeitnehmer nutzen Werkzeuge der künstlichen Intelligenz im Berufsalltag deutlich häufiger als Menschen mit niedrigen Einkommen. Das zeigt eine neue Befragung, über die Madhumita Murgia und John Burn-Murdoch für die Financial Times berichten.
Mehr als 60 Prozent der Bestverdiener verwenden KI täglich bei der Arbeit. Unter den Geringverdienenden sind es lediglich 16 Prozent. Die Daten stammen aus einem monatlichen KI-Arbeitsmarkt-Tracker, den die Financial Times gemeinsam mit dem Marktforschungsunternehmen Focaldata entwickelt hat. Befragt wurden 4.000 Arbeitnehmer in den USA und Großbritannien.
Neben dem Einkommensgefälle zeigt die Umfrage auch eine ausgeprägte Geschlechterungleichheit. Männer nutzen KI-Werkzeuge branchenübergreifend deutlich häufiger als Frauen. Laut im Artikel zitierten Daten ist die Wahrscheinlichkeit bei Frauen rund 20 Prozent geringer, KI einzusetzen. Die Ursachen sind bislang unklar.
Daron Acemoglu, Wirtschafts-Nobelpreisträger und Professor am Massachusetts Institute of Technology, widerspricht der verbreiteten Annahme, KI demokratisiere den Arbeitsmarkt. Für die Nutzung der Modelle brauche man „ein gewisses Maß an Bildung, abstraktes und quantitatives Denkvermögen sowie Vertrautheit mit Computern und Programmierung,“ sagt er. KI werde „die Ungleichheit zwischen Arbeit und Kapital vergrößern.“
Die Unterschiede in der KI-Nutzung verlaufen stärker zwischen verschiedenen Berufsgruppen als innerhalb einzelner Hierarchiestufen. Anwälte, Buchhalter und Softwareentwickler verwenden KI unabhängig von ihrer Erfahrungsstufe in ähnlichem Ausmaß. Gegenüber niedriger entlohnten Beschäftigten in denselben Branchen ist ihr Nutzungsgrad jedoch erheblich höher.
Entgegen der Erwartung sind nicht die jüngsten Beschäftigten die intensivsten KI-Nutzer. Besonders häufig greifen Arbeitnehmer in ihren Dreißigern mit längerer Betriebszugehörigkeit auf KI zurück. Das deutet darauf hin, dass die Technologie vor allem denjenigen nützt, die bereits über tiefes Fachwissen verfügen. Ronni Chatterji, Chefökonom bei OpenAI, bestätigt diese Beobachtung. KI ergänze vorhandene Kompetenz, anstatt sie zu ersetzen.
Diese Entwicklung gibt Anlass zur Sorge über den beruflichen Nachwuchs. Aufgaben, die früher von Berufseinsteigern übernommen wurden, erledigt zunehmend KI auf Anweisung erfahrener Mitarbeiter. Jungen Beschäftigten fehlt dadurch die Möglichkeit, grundlegende Fähigkeiten aufzubauen.
Chris Pissarides, Wirtschafts-Nobelpreisträger an der London School of Economics, betont, dass fortschrittliche Technologie Intelligenz stärker belohne als einfachere Werkzeuge es je taten. „Je intelligenter die Technologie ist, die wir erfinden, desto mehr zählt die eigene Intelligenz,“ sagt er.
Der Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey verweist auf die Personal-Computing-Revolution, in der eine ähnliche Kluft sich mit der Zeit schloss. Er warnt jedoch: Dauere es ein oder zwei Jahrzehnte, bis sich die aktuelle Lücke schließe, könnten die Folgen erheblich sein.
Betriebliche Schulungen erweisen sich als wichtigster Faktor für die KI-Nutzung am Arbeitsplatz. Eine Studie zeigte, dass eine gezielte Schulung für britische Arbeitnehmerinnen die tägliche KI-Nutzung bei Frauen über 55 Jahren verdreifachte. Das weist auf einen konkreten Weg hin, sowohl die geschlechtsspezifische als auch die einkommensbedingte Spaltung zu verringern.
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