In letzter Zeit habe ich die Vorteile des „Multi-Assistant-Lifestyles“ genossen: Anstatt mich zu entscheiden, ob ich nun ChatGPT oder Gemini einsetzen soll, nutze ich einfach beide.
Früher habe ich es eher wie eine monogame Beziehung behandelt: Man wählt seinen Partner und bleibt zusammen – in guten wie in schlechten Zeiten etc. Aber es wird immer klarer, dass das (zumindest bei AI) veraltet ist. Denn diese Tools entwickeln sich rasant weiter, bieten unterschiedliche Persönlichkeiten, haben spezialisierte Fähigkeiten und einzigartige Features.
In diesem Artikel plädiere ich deshalb dafür, dass professionelle Content Creator nicht länger versuchen sollten, die „beste KI“ zu finden. Sie sollten stattdessen darüber nachdenken, wann und wofür sie welche KI nutzen.
Folgend nun sechs gute Gründe, warum du deine Suche nach dem perfekten AI-Assistenten einstellen kannst und dir stattdessen ein Team von Spezialisten zusammenstellen solltest.
Ein Team mit komplementären Persönlichkeiten aufbauen
Wenn du mit einer AI interagierst, führst du im Prinzip eine Unterhaltung. Die ist zwar mit einer Maschine, aber es ist trotzdem eine Unterhaltung. Und genau wie menschliche Kolleg:innen haben diese Modelle unterschiedliche „Persönlichkeiten“, die durch ihr Training und die Sicherheitsrichtlinien ihrer Anbieter geprägt sind. Sie formen ihre Assistenten jeweils auf eine andere Art und Weise.
Nimm zum Beispiel ChatGPT. Diese KI ist am liebsten der eifrige, übersprudelnde Brainstormer der Gruppe. Bitte um Ideen, und ChatGPT wirft dir enthusiastisch ein Dutzend davon an den Kopf, komplett mit Emojis, vielen Listen und einem sehr, sehr aufgekratzten Tonfall. Das ist hilfreich, wenn du auf ein leeres Blatt starrst und einen energiegeladenen Partner brauchst, um deine Schreibblockade zu überwinden. Oder wenn du ein dir unbekanntes Thema durchdenken willst.
Claude fühlt sich da ganz anders an. Er ist nach meinem Eindruck zurückhaltender, bodenständiger und professioneller. Das ist in vielen Situationen passender: Vielleicht willst du ausgewogenes Feedback, du möchtest eine differenzierte Diskussion über ein komplexes Thema führen oder die KI soll deine Arbeit überprüfen, ohne dabei wie dein größter Fan zu klingen.
Wenn du stattdessen nur eine einzige Plattform nutzt, verpasst du vielleicht den Assistenten, dessen natürlicher „Vibe“ perfekt zu deiner spezifischen Aufgabe oder zu deiner aktuellen Gemütslage passt. Manchmal brauchst du einen Cheerleader und manchmal einen ruhigen, nachdenklichen Kollegen.
Unterschiedliche Fähigkeiten einsetzen: Spezialisten vs. Generalisten
Abgesehen von ihren Persönlichkeiten unterscheiden sich außerdem die Fähigkeiten dieser Assistenten teilweise deutlich. Das gilt besonders für ihre Schreibfähigkeiten.
Nehmen wir erneut ChatGPT als Beispiel. Weil ich gerade zwei Kurse darüber erstelle, nutze ich es wieder viel häufiger als in den Monaten davor. Und ich muss sagen: Ich bin manchmal ziemlich entsetzt, wie schlecht es bei längeren, detaillierten Texten ist. Sein Schreibstil schreit förmlich „AI“, selbst bei ausführlichen Anweisungen. Wenn ich dagegen kurze Social-Media-Posts, schnelle Outlines oder eine rasche Ideenfindung brauche, kann ChatGPT eine gute Wahl sein.
In meinen eigenen Vergleichen, wie „Beste KI für Content Creation“, geht Claude insgesamt als der beste Schreiber hervor. Er klingt von Haus aus natürlicher. Er versteht und befolgt auch Anweisungen besser als ChatGPT, das dazu neigt, in seine typischen Gewohnheiten zurückzufallen.
Dann gibt es noch Googles Gemini-Angebot, das sich als umfassender Allrounder präsentiert. Es schreibt gut, aber seine wahre Stärke liegt in den vielen nützlichen Features dieser Multi-Tool-Plattform.
Dieser Unterschied bei den Fähigkeiten geht darüber hinaus, Wörter sinnvoll und angenehmen aneinanderzureihen. Einige Modelle haben extra große Kontextfenster, die (theoretisch) ein 200-seitiges PDF verarbeiten können, ohne den Faden zu verlieren. Andere sind bei der Datenanalyse oder beim Schreiben von Code überlegen.
Wenn du mehrere Assistenten nutzt, kannst du der jeweiligen Aufgabe den besten Spezialisten zuordnen.
Workflows, Ökosysteme und Special Features nutzen
Manchmal hat die Entscheidung für die richtige KI weniger mit ihrem „Gehirn“ zu tun als vielmehr mit dem User Interface und dem Ökosystem, in dem sie lebt. Beides kann dafür sorgen, Reibungsverluste zu reduzieren.
Dreht sich dein Berufsleben beispielsweise um Google Workspace, bietet Gemini eine angenehme Erfahrung. Ein Dokument mit der KI zu entwerfen und es dann direkt in Google Docs zu exportieren, ist eine praktische Zeitersparnis. Tatsächlich habe ich angefangen, Google Docs viel häufiger als bisher zu nutzen, weil die Integration in Gemini es so einfach macht. Ebenso hat Copilot einen offensichtlichen Vorteil, wenn du tief in Microsoft 365 verwurzelt bist, da es direkt in Word, Excel und PowerPoint lebt.
Abgesehen von den Ökosystemen hat jede Plattform einzigartige Features, die allein schon ein guter Grund sein können, dieses Assistenten zu nutzen. Ich finde das „Canvas“-Feature bei Gemini beispielsweise besonders gelungen. Es bietet einen praktischen Workflow, um Gliederungen zu entwickeln oder Artikel zu schreiben. Auch die Bildgenerierung von Gemini ist hervorragend.
An der Recherche-Front bieten sowohl ChatGPT als auch Gemini leistungsstarke „Deep Research“-Funktionen. Wenn ich ein komplexes Thema untersuchen will, schicke ich manchmal denselben Deep-Research-Prompt zu beiden Plattformen. Ihre unterschiedlichen Blickwinkel und Quellen zu vergleichen, kann bessere Ergebnisse liefern, als sich nur auf eine zu verlassen. Es ist definitiv einen Versuch wert!
Darüber hinaus bietet Claude die wohl fortschrittlichste Desktop-App. Sie lotet aus, wie sich KI über Kollaborations-Features wie Claude Cowork nützlich machen kann (ein Thema, in das ich bald tiefer eintauchen werde, stelle also sicher, dass du den Newsletter abonniert hast – kleiner Wink mit dem Zaunpfahl).
Die „KI-Blase“ durchbrechen
Wenn du dich bei der Ideenfindung, beim Schreiben und beim Bearbeiten ausschließlich auf ein einziges Modell verlässt, läufst du Gefahr, in einer „KI-Blase“ zu landen. Jedes Modell hat Lieblingsphrasen, bevorzugte Satzstrukturen und bewährte Wege, Informationen aufzubereiten. Mit der Zeit kann dein Content dadurch gleichförmig wirken und mehr und mehr eine typische „KI-Stimme“ annehmen.
Ein Gegenmittel, das ich dafür gefunden habe, wird dich sicher nicht überraschen: Ich nutze mehr als eine KI. Anstatt einen Assistenten zu bitten, für mich zu schreiben und dann die eigene Arbeit zu bearbeite, entwerfe ich den Content vielleicht mit einem Modell und übergebe ihn dann einem anderen, der als mein Redakteur oder Kritiker fungiert. Das ist auch hilfreich für das Fact-Checking anhand von Quellenmaterial oder um Informationslücken zu finden.
Weil diese Modelle auf unterschiedlichen Trainingsdaten aufbauen und unterschiedliche Verhaltensweisen haben, können sie so etwas wie ein System der gegenseitigen Kontrolle bilden. Das funktioniert sicherlich nicht perfekt. Aber wenn du einen von ChatGPT geschriebenen Entwurf nimmst und ihn an Claude gibst, wird er dir das Ganze mit Freude korrigieren und bearbeiten.
Die praktischen Realitäten anerkennen
Die bislang genannten Assistenten sind Cloud-Dienste, und Cloud-Dienste können Ausfälle haben. Wenn sich dein gesamter professioneller Workflow auf nur ein Tool stützt und dieses Tool plötzlich eine Downtime erlebt, bist du lahmgelegt. Eine zuverlässige zweite AI zu haben, ist fast eine professionelle Notwendigkeit. Dann kannst du weiterarbeiten, selbst wenn die Server deiner Lieblings-KI ins Stolpern geraten oder zusammenbrechen.
Darüber hinaus gibt es noch das Problem der Performance-Drosselung. Hast du nicht auch schon einmal erlebt, dass sich die KI deiner Wahl plötzlich viel „dümmer“ anfühlt? In Zeiten mit hohem Traffic stufen AI-Unternehmen ihre Modelle sehr wahrscheinlich herab („quantisieren“ sie, wie die Fachleute sagen), um Rechenleistung zu sparen. Dieses Phänomen der „plötzlich viel dümmeren KI“ habe ich bereits in einem früheren Artikel ausführlich untersucht. Wenn dein Assistent Nr. 1 mitten in deiner Arbeitswoche einen faulen Sonntag einlegt, ist eine verfügbare Plattform plötzlich enorm wertvoll. Du musst dich dann nicht mit minderwertigem Output zufriedengeben. Das ist mir neulich gerade mit Gemini passiert, und ich war sehr froh, dass ich zu ChatGPT wechseln konnte.
Zu guter Letzt gibt es noch wichtige Überlegungen zum Datenschutz und zur Vertraulichkeit von Kundendaten, die eine Rolle spielen können. Zum Beispiel haben die Plattformen haben unterschiedliche Nutzungsbedingungen dazu, inwiefern deine Eingaben für das Training zukünftiger Modelle genutzt werden dürfen. Auch über diese Frage habe ich bereits ausführlicher geschrieben.
Nutzt du mehrere Assistenten, könntest du dir einen abgestuften Ansatz überlegen. Du könntest etwa einen hochsicheren Enterprise-Tarif (oder eine Privacy-First-Plattform) für sensible Kundendaten nutzen, während du eine Standard-AI für allgemeines Brainstorming und öffentliche Inhalte einsetzt. Meine europäischen Leser nutzen vielleicht Mistral für viele sensible Aufgaben, weil es GDPR-konform ist. Aber sie könnten in anderen Momenten eines der US-basierten Tools nutzen, wenn diese Frage keine Rolle spielt.
Auf der Innovationswelle reiten
Die KI-Branche bewegt sich in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Was vor sechs Monaten noch als State-of-the-Art galt, kann sich heute schon vollkommen veraltet anfühlen.
Wenn du dich komplett auf ein einziges Ökosystem verlässt, wirst du die interessantesten neuen Features verpassen. Denk nur an den möglichen Aufstieg der „KI-Agenten“: Sie können komplexe, mehrstufige Aufgaben in verschiedenen Apps in deinem Namen ausführen. Etliche Unternehmen gehen dieses Thema aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln an.
Habe ich schon erwähnt, dass dich der Smart Content Report Newsletter über die neuesten Tools, Trends und Tipps auf dem Laufenden hält? Das tut er nämlich.
Das Testen und Nutzen mehrerer Tools hält deine Fähigkeiten auf dem aktuellen Stand und stellt sicher, dass du die beste verfügbare Technik optimal einsetzt. Es hilft dir auch dabei, anpassungsfähig zu bleiben.
Fazit
Was ich dir mit diesem Text vermitteln wollte: Die unterschiedlichen AI-Assistenten sind nicht einfach nur Versionen desselben Tools mit anderen Farben und Logos. Sie werden zunehmend zu eigenständigen Angeboten mit eigenen Stärken und Schwächen, Special Features und Fähigkeiten.
Wenn du dich bisher ausschließlich auf ChatGPT, Gemini, Claude oder Copilot verlassen hast, habe ich eine Herausforderung für dich: Probiere eine Plattform aus, die du noch nicht genutzt hast, oder komme zurück zu einer, die du dir seit Monaten nicht mehr angesehen hast. Nimm eine spezifische Aufgabe aus deiner Content-Pipeline und gib sie ebenfalls diesem Assistenten.
Vielleicht findest du ja einen neuen Lieblingskollegen.

