Wie du KI-Halluzinationen erkennst und vermeidest

Generative KI-Tools wie ChatGPT, Claude und Gemini sind für viele von uns im Content Marketing hilfreiche Partner geworden. Sie können die Recherche beschleunigen, komplexe Themen gliedern und in Sekunden Entwürfe für Texte liefern. Es fühlt sich an wie eine Superkraft.

Bis plötzlich etwas schiefgeht.

Stell dir vor: Du bist tief im Schreibfluss. Du schreibst einen wichtigen Thought-Leadership-Artikel über einen komplexen neuen Branchentrend. Du bittest deinen AI-Assistenten um eine spezifische Information oder um ein passendes Zitat, um dein Argument zu stützen. Er liefert es sofort. Das Zitat sieht perfekt aus, die Informationen passen genau zu deiner Geschichte! Du klickst auf Veröffentlichen.

Dann weist dich ein Leser darauf hin: Das Zitat existiert nicht. Die Studie, aus der deine Information stammt, wurde nie durchgeführt. Der „perfekte“ Fakt war komplett erfunden.

Dieses Phänomen ist als AI-„Halluzination“ bekannt. Das bedeutet: Eine KI generiert Informationen, die vollkommen plausibel und überzeugend aussehen, aber sie sind faktisch falsch oder sogar komplett frei erfunden. Für Content Creator, bei denen Vertrauen und Genauigkeit zur Lebensgrundlage gehören, ist das ein Albtraum.

Kannst du diesen Tools überhaupt vertrauen? Warum scheinen sie dich so dreist anzulügen?

In diesem Artikel erkläre ich dir, warum aktuelle AI-Tools zu solchen Fehlern neigen. Dabei wird eines bald überraschend klar: Diese Halluzinationen sind kein Programmierfehler. Stattdessen sind sie heute ein fester Bestandteil der Bauweise dieser Systeme.

Darüber hinaus zeige ich dir vier konkrete Strategien, mit denen du dieses Risiko managen kannst. So kannst du AI weiter nutzen, um deine Arbeit zu beschleunigen, ohne dafür deine Glaubwürdigkeit zu opfern.

Hinter den Kulissen: Warum AI dich anlügt

Um Halluzinationen zu verhindern, musst du zuerst verstehen, woher sie kommen. Keine Sorge: Ich halte es einfach.

Das Problem dreht sich vor allem um diesen Punkt: Das größte Missverständnis über Tools wie ChatGPT ist, dass sie Wissensdatenbanken sind. Das sind sie aber gar nicht.

Die Analogie der „Super-Autovervollständigung“

Wir behandeln AI oft wie eine Bibliothek oder eine Datenbank. Wenn wir fragen: „Was ist die Hauptstadt von Frankreich?“, nehmen wir an, die KI geht zu einem mentalen Regal, zieht ihre Version eines Geografiebuchs heraus und liest die Antwort vor.

In Wirklichkeit solltest du dir Generative AI eher wie die Autovervollständigung auf deinem Handy, nur unendlich viel ausgefeilter. Sie „kennt“ keine Fakten. Sie kennt Muster. Um beim vorherigen Beispiel zu bleiben: Wenn sie „Paris“ antwortet, ruft sie keine Information ab. Stattdessen sieht sie, dass „Paris“ das statistisch wahrscheinlichste Wort ist, das auf „Die Hauptstadt von Frankreich ist…“ folgt. Das basiert auf den Milliarden von Texten, mit denen sie trainiert wurde.

Dieser Unterschied ist wichtig: Die KI sagt Wörter basierend auf Wahrscheinlichkeit voraus, nicht auf Wahrheit. Deshalb kann sie genauso gut eine Lüge vorhersagen, wenn diese Lüge in das Muster des Textes passt.

Die Hauptstadt von Frankreich ist bei alledem natürlich eine sehr simple Frage. Das Problem entsteht vor allem, sobald die Antwort mehrdeutig ist oder wenn die KI sie schlicht nicht kennt.

Auch wichtig zu wissen: Diese AI-Tools beziehen ihr Basiswissen aus ihrem Trainingsmaterial. Und dieses Material kann zutiefst fehlerhaft oder unvollständig sein.

Das „Ja-Sager“-Problem

Warum erfindet sie Dinge, statt einfach „Ich weiß es nicht“ zu sagen? Ein Grund: Aufgrund ihres Aufbaus weiß sie nicht wirklich, was sie weiß und was nicht.

Ein weiterer Grund: Diese Modelle sind primär darauf trainiert, hilfreich zu sein. Wenn du nach einer Liste von „10 Gerichtsfällen zu Copyright in AI“ fragst, versteht die KI: Der Nutzer will eine Liste. Die Liste soll wie rechtliche Zitate aussehen. Sie braucht 10 Einträge.

Wenn die KI nur 8 echte Fälle kennt, kann ihr Training sie drängen, das Muster trotzdem zu vervollständigen. Sie will deine Anfrage nach 10 erfüllen. Also erfindet sie zwei dazu. Sie konstruiert sie im Stil eines rechtlichen Zitats (korrekte Formatierung, plausible Namen). Denn sie ist überzeugt: Die Anfrage zu erfüllen, egal wie, macht dich glücklich.

Das Problem der „eingefrorenen Zeit“

Außerdem gilt: Das interne Wissen einer KI wurde in dem Moment eingefroren, als ihr Training mit dem Material angefangen hat. Eine KI weiß vielleicht, wie man (meistens) perfekt schreibt. Aber sie weiß nicht, was letzte Woche in der Welt passiert ist. Es sei denn, sie hat Zugriff auf externe Tools. Wenn du nach einem sehr aktuellen Ereignis fragst, halluziniert sie vielleicht selbstbewusst eine Antwort. Diese basiert auf älteren Daten, die ähnlich aussehen. Einfach, weil sie es nicht besser weiß.

Kurzgesagt: Aktuelle Generative AI-Tools sind hauptsächlich darauf trainiert, nützliche Antworten zu geben. Sie haben keinen verlässlichen Mechanismus, um zu verstehen, ob ihre Antwort falsch oder erfunden ist. Ihr eingebautes Wissen ist oft veraltet, unvollständig und fehlerhaft.

Option 1: Websuche hinzufügen

Der effektivste Weg, eine KI vom Halluzinieren abzuhalten: Zwinge sie, in die reale Welt zu schauen. Halluzinieren basiert oft auf ihrem internen „Bauchgefühl“ (ihrem „Weltwissen“ aus dem Training).

Große Modelle wie ChatGPT, Gemini und Claude haben aber inzwischen alle Live-Webzugriff. Das ist ein großer Vorteil für die Genauigkeit. Es verschiebt das Verhalten der KI: weg vom Erinnern (was fehleranfällig ist) und hin zum Berichten (was generell genauer ist).

Einfach die Websuche einzuschalten, reicht jedoch nicht immer. Du solltest die KI auch zu den richtigen Stellen für korrekte und aktuelle Informationen führen.

Sei spezifisch beim Thema „korrekt“

Wenn du nur nach „aktuellen Nachrichten“ fragst, zieht die KI vielleicht Infos von einem minderwertigen Blog oder einer Clickbait-Seite. Du musst deshalb die Grenzen deiner Suche definieren.

  • Spezifiziere den Quellentyp: Sage nicht nur „Finde Infos zu Thema X.“ Sage: „Suche nach diesem Thema nur in wissenschaftlichen Journalen, offiziellen Regierungsberichten oder großen Nachrichtenagenturen wie Reuters oder AP.“
  • Definiere „aktuell“: Zeitkonzepte können für AI vage sein. Statt nach „aktuellen Statistiken“ zu fragen, sei explizit: „Suche nach Daten, die zwischen November 2025 und heute veröffentlicht wurden.“

Indem du der KI explizit sagst, wo sie suchen soll, reduzierst du die Chance auf Fakten-Halluzinationen drastisch. Das macht es auch für dich einfacher, die Ergebnisse zu prüfen. Du kannst dir die entsprechenden Quellen ansehen.

Option 2: Kontext liefern

Websuche ist toll. Aber manchmal brauchst du die KI, um deine spezifischen Daten zu nutzen. Vielleicht ist es ein interner Bericht oder es sind Notizen aus einem Interview oder ein spezifisches PDF.

In diesem Szenario ist das beste Vorgehen: Behandle die KI wie einen Studenten bei einer „Open-Book“-Prüfung: Du stellst das Lehrbuch bereit und die KI beantwortet Fragen nur basierend auf diesem Buch.

Du recherchierst. Die KI schreibt.

Diese Methode dreht den üblichen Workflow um: Statt die KI zu bitten, Informationen zu finden, findest du die verlässlichen Quellen zuerst. Du agierst als Forscher. Die KI agiert als Schreiber oder Co-Autor.

Die meisten großen AI-Tools erlauben dir inzwischen, Dokumente direkt in den Chat hochzuladen. Du kannst PDF-Berichte, Excel-Tabellen oder sogar Bilder von Text anhängen.

Sobald du dein Quellenmaterial hochlädst, muss sich die KI nicht mehr auf ihre internen Muster verlassen. Sie kann auf die tatsächlichen Informationen schauen, die du bereitgestellt hast.

Die „Ausweg“-Klausel

Es gibt jedoch immer noch ein Risiko. Erinnerst du dich an das „Ja-Sager“-Problem von oben? Die KI könnte immer noch versuchen, eine Antwort zu erfinden, wenn sie in deinem Dokument keine findet, einfach um hilfreich zu sein.

Um das zu stoppen, musst du ihr eine spezifische Anweisung geben. Ich nenne das die „Ausweg“-Klausel.

Wenn du die KI promptest, füge so etwas hinzu:

„Beantworte diese Anfrage NUR unter Verwendung der bereitgestellten Dokumente. Wenn die Antwort nicht im Text steht, teile mir mit, dass die Information fehlt.“

Indem du der KI die Erlaubnis gibst, „Ich weiß es nicht“ zu sagen, nimmst du den Druck, zu halluzinieren. Du bekommst vielleicht eine unvollständige Antwort. Aber was sie liefert, wird korrekt sein.

Die Falle der „Kontext-Überladung“

Nun ist es schnell passiert, dass du an dieser Stelle denkst: „viel hilft viel“. Du fühlst dich vielleicht sicherer, wenn du Dutzende Dokumente anhängst.

Das ist jedoch aus drei Gründen problematisch.

  1. Begrenzte Aufmerksamkeitsspanne: Eine KI hat ein begrenztes „Kurzzeitgedächtnis“, bekannt als „Context Window“. Diese können theoretisch ganze Bücher fassen. Aber Tests haben gezeigt: Die Qualität der Antworten leidet, wenn die KI an ihre Grenzen gebracht wird.
  2. Verwirrung durch Unordnung: Zu viel irrelevante Information kann die Mustererkennung verwirren. Du solltest vermeiden, Dokumente nur „zur Sicherheit“ anzuhängen.
  3. Rechenaufwand: Das Verarbeiten massiver Anhänge verbraucht viel Rechenleistung. Das kann auch die Qualität der finalen Antwort senken.

Empfehlung: Halte den Kontext so knapp wie möglich. Biete trotzdem alle wichtigen Informationen an. Du solltest auch kleinere, einfachere Dateiformate bevorzugen. Zum Beispiel CSV für Tabellen oder TXT für Text. Diese sind für die KI oft leichter zu handhaben als komplexe PDFs.

Option 3: Bessere Prompting-Techniken

Wenn du keine Websuche nutzen oder eigene Dateien hochladen kannst, musst du dich auf das interne Wissen der KI verlassen. In diesem Fall ist wichtig, wie du fragst. Nicht nur, was du fragst.

Du kannst die Halluzinationsrate deutlich senken, indem du die Art änderst, wie du promptest.

Die „Chain of Thought“-Taktik

Wenn eine KI eine komplexe Frage sofort beantwortet, rät sie die Antwort. Sie basiert auf dem ersten Muster, das die KI sieht. Das geht erstaunlich oft gut, aber eben nicht immer.

Stattdessen kannst du die KI dazu auffordern, „ihren Rechenweg zu zeigen“. Das nennt man „Chain of Thought“-Prompting.

Statt zu fragen: „Ist X wahr?“

Frage: „Denke Schritt für Schritt. Analysiere die verfügbaren Informationen. Wäge die Beweise ab. Und bestimme dann, ob X wahr ist.“

Test haben gezeigt: Wenn eine KI ein Problem in Schritte zerlegt, generiert sie logischere und genauere Antworten. Es gibt dem System Zeit zum „Denken“, bevor es sich auf eine Schlussfolgerung festlegt.

Am Rande bemerkt: So funktionieren einige AI-Modelle hinter den Kulissen. Deshalb brauchen manche (viel) länger für eine Antwort als andere. Dieser Prozess wird oft „Reasoning“ oder „Thinking“ genannt. Statt einer sofortigen Antwort überlegt die KI und plant, wie sie antworten soll. Erst dann generiert sie die finale Antwort. Manchmal kannst du Teile dieses Prozesses im Chat-Interface sehen. Aber auch bei diesen fortgeschrittenen AI-Modellen ist es bei komplexen Themen eine gute Praxis, sie um eine schrittweise Erklärung zu bitten.

Verlange Beweise

Nimm die KI niemals beim Wort. Wenn du nach Informationen fragst, verlange immer die Beweise dazu.

Füge diese Anweisung zu deinem Prompt hinzu: „Gib ein direktes Zitat oder eine spezifische Quelle für jede Behauptung an, die du aufstellst.“

Das ist ein nützlicher Filter. Wenn die KI kein spezifisches Zitat finden kann, um eine Behauptung zu stützen, merkt sie idealerweise, dass die Behauptung falsch ist. Es wirkt als Selbstkontrollmechanismus.

Die „Lückentext“-Methode

Nicht zuletzt könntest du entscheiden, die Aufgaben ganz aufzuteilen. Nutze die KI für das, worin sie gut ist (Struktur, Ton, Grammatik) und behalte die Faktenarbeit für dich.

Wenn du einen Bericht schreibst, aber die Zahlen nicht parat hast: Bitte die KI, Platzhalter zu nutzen.

Prompt: „Schreibe die Quartalszusammenfassung. Für spezifische Umsatzzahlen nutze Klammern wie [Umsatz hier einfügen].“

Dies stellt sicher, dass der Erzählfluss von der KI generiert wird. Aber die kritischen Fakten bleiben unter deiner Kontrolle. Du füllst die Lücken später mit verifizierten Daten.

Option 4: Verifizierung

Selbst mit den besten Prompts und dem besten Quellenmaterial können Fehler passieren. Du weißt schon: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!

Stelle dir die KI wie einen hochproduktiven, aber nicht komplett vertrauenswürdigen Assistenten vor. Sie arbeitet schnell. Sie schreibt gut. Sie versucht, deine Anweisungen nach bestem Können zu erfüllen. Aber wie wir gesehen haben: Sie könnte eine Quelle missverstehen oder ein Detail erfinden, nur damit ein Satz besser fließt.

Was man prüfen sollte

Du musst nicht jedes einzelne Wort prüfen. Konzentriere deine Energie auf die „Gefahrenzonen“. Dort sind Halluzinationen am häufigsten.

  • Zitate: Hat die Person das wirklich gesagt?
  • Daten: Fand dieses Ereignis an diesem spezifischen Tag statt?
  • URLs: Klicke jeden Link. AI kann Links generieren, die echt aussehen, aber ins Leere führen.
  • Quellenangaben: Verifiziere, dass die Studie oder der Gerichtsfall tatsächlich existiert.

Die Methode des „frischen Blicks“

Es ist oft mühsam, Fakten manuell zu prüfen. Zum Glück kannst du AI nutzen, um dir beim Prüfen von AI zu helfen. Du musst es aber richtig machen.

Bitte die KI nicht, ihre eigene Arbeit im selben Chatfenster zu prüfen. Die KI ist durch ihren vorherigen Gesprächsverlauf voreingenommen. Sie wird wahrscheinlich ihre eigenen Antworten verteidigen.

Öffne stattdessen ein komplett neues Chatfenster. Das gibt dir eine „frische“ KI.

Der Workflow:

  1. Kopiere den Text, der im ersten Chat generiert wurde.
  2. Öffne einen neuen Chat.
  3. Füge den Text ein und frage: „Überprüfe diesen Text auf faktische Genauigkeit. Liste alle Behauptungen auf, die ungestützt oder inkorrekt scheinen.“

Wenn du Quellenmaterial hast (wie ein PDF), lade es ebenfalls in diesen neuen Chat hoch. Dann bitte die KI, den Text spezifisch gegen dieses Quelldokument zu verifizieren. Das wirkt als zweite Meinung. Es erkennt oft selbst subtile Fehler, die beim ersten Durchgang übersehen wurden.

Fazit

Generative AI kann ein mächtiges Werkzeug für kreative Arbeit sein. Aber sie ist keine verlässliche Quelle der Wahrheit.

Wenn du sie wie eine Suchmaschine behandelst (ohne ihre eingebaute Websuche zu aktivieren) oder wie eine Datenbank (ohne sie mit einer zu verbinden), wird es irgendwann schiefgehen. Aber wenn du sie wie einen talentierten, eifrigen, aber gelegentlich verwirrten Assistenten behandelst: Dann kannst du viel Potenzial freisetzen.

Nutze sie, um Ideen zu brainstormen. Nutze sie, um E-Mails zu entwerfen. Nutze sie, um chaotische Notizen zusammenzufassen. Aber wenn es um harte Fakten geht, spezifische Zahlen und kritische Zitate: Übernimm wieder das Steuer.

Du bist der Experte. Die KI ist nur das Werkzeug.

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