ChatGPT ist der Chatbot, der Millionen Menschen den Einstieg in generative KI ermöglichte. Doch eine Reihe von Produktflops, geplatzten Deals und einem sich verändernden Wettbewerbsumfeld wirft nun die Frage auf, ob das Unternehmen dahinter seine Führungsposition halten kann.
Das sichtbarste Zeichen der Probleme war die abrupte Abschaltung von Sora, dem Videogenerator, der von manchen als nächster großer Schritt nach ChatGPT angesehen wurde. OpenAI hatte dazu gar einen aufsehenerregenden Deal mit Disney abgeschlossen: Disney wollte eine Milliarde Dollar investieren und mehr als 200 seiner Figuren für Sora-Videos lizenzieren. Laut Wall Street Journal erfuhren Disney-Manager von der Abschaltung weniger als eine Stunde vor der öffentlichen Ankündigung. Die Investition kam nie zustande, und die Beziehung zwischen den beiden Unternehmen ist seitdem faktisch eingefroren.
Sora verlor täglich rund eine Million Dollar und verbrannte auf dem Höhepunkt schätzungsweise 15 Millionen Dollar pro Tag, berichtet das Wall Street Journal. Die weltweite Nutzung erreichte kurz nach dem Launch rund eine Million Nutzer und sank dann auf unter 500.000. Die gesamten App-Einnahmen summieren sich laut Forbes bei weniger als drei Millionen Dollar. OpenAI kam letztlich zu dem Schluss, dass Sora zu viele Rechenressourcen verbrauchte und nicht rentabel genug war.
Rückschlag auf Rückschlag
Sora ist zugleich nicht das einzige OpenAI-Produkt, das hinter den Erwartungen zurückblieb. Forbes beschreibt ein Muster von Ankündigungen, die nicht eingehalten wurden:
- Eine Sofort-Kaufen-Funktion fürs Shopping innerhalb von ChatGPT, entwickelt gemeinsam mit Walmart, wurde bald wieder eingestellt, weil die Kaufabschlussrate weit unter der von Walmarts eigenem Onlineshop lag.
- Pläne für „Erwachsenen-Inhalte“ in ChatGPT wurden nach Widerstand von Mitarbeitern und Investoren auf unbestimmte Zeit verschoben.
- Das beliebte Sprachmodell GPT-4o wurde erst eingestellt, nach starken Nutzerprotesten vorübergehend zurückgebracht und ist inzwischen erneut eingestellt.
Auch die App-Plattform von OpenAI läuft schleppend an. Darüber können Drittanbietern wie Spotify oder Booking.com Dienste innerhalb von ChatGPT anbieten. Bloomberg berichtet, dass Entwickler mit langen Genehmigungsverfahren, fehlerhaften Werkzeugen und kaum nutzbaren Analysedaten kämpfen. Der Chef von Booking.com sagte Bloomberg, dass der Traffic über ChatGPT nach wie vor gering sei und das Unternehmen weiterhin weit mehr Geld für Google-Werbung ausgebe.
Konkurrenten holen auf
Während OpenAI mit solchen Problemen kämpft, gewinnen Wettbewerber an Boden. Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude, hat sich etwa in den lukrativen Unternehmens- und Programmiermärkten starke Positionen erarbeitet. Das Wall Street Journal berichtet, dass das Entwicklerwerkzeug Claude Code weit verbreitet ist. OpenAI brachte eilig ein eigenes Produkt namens Codex heraus und versucht, zu Claude aufzuschließen.
Der Stimmungswandel zeigt sich nicht zuletzt an den Finanzmärkten. Bloomberg berichtet, dass die Nachfrage nach OpenAI-Anteilen auf dem Sekundärmarkt deutlich gesunken sei. Rund 600 Millionen Dollar an angebotenen Anteilen fanden keine Käufer. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Anthropic-Anteilen stark gestiegen, mit einem registrierten Interesse von mehr als 1,6 Milliarden Dollar auf einer Handelsplattform. Käufer bewerten Anthropic auf dem Sekundärmarkt mit rund 600 Milliarden Dollar, mehr als 50 Prozent über dem Wert der letzten Finanzierungsrunde, laut Bloomberg.
Auch Googles KI-Assistent Gemini gewinnt bei Verbrauchern an Beliebtheit und erhöht den Druck auf ChatGPT weiter.
Fokus auf Unternehmen und Produktivität
OpenAI lenkt seine Ressourcen nun auf Entwicklerwerkzeuge und Unternehmenssoftware um, also auf Bereiche mit bereits nachgewiesener Nachfrage. Das Unternehmen plant eine „Superapp“, die auf agentischer KI basiert. Sie soll Aufgaben wie das Schreiben von Software, das Buchen von Reisen oder die Datenanalyse selbstständig erledigen. Laut Forbes erzielte OpenAI 2025 einen Umsatz von 13 Milliarden Dollar, ist aber weiterhin tief in den roten Zahlen.
Sam Altman bezeichnete die Abschaltung von Sora als schwierige, aber notwendige Entscheidung. In einer internen Nachricht schrieb er, er sei beeindruckt, wie bereit das Team sei, harte Kompromisse einzugehen. Eine Sprecherin von OpenAI sagte dem Wall Street Journal, das Unternehmen konzentriere sich darauf, seine Rechenressourcen dort einzusetzen, wo sie den größten langfristigen wirtschaftlichen Nutzen bringen.
Ob dieser Kurswechsel das bröckelnde Vertrauen wiederherstellen kann, ist noch offen. Fest steht: Das Wettbewerbsumfeld für KI hat sich seit dem Start von ChatGPT grundlegend verändert, und OpenAI gibt das Tempo nicht mehr allein vor.
Quellen: Wall Street Journal, Forbes, Bloomberg, Bloomberg
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