Die Autorin, die es nicht gab: Anatomie eines Journalismus-Betrugs im ChatGPT-Zeitalter

Die Routine-Recherche eines Magazin-Redakteurs hat einen mutmaßlich weltweiten Betrugsfall aufgedeckt. Der Fall zeigt, wie künstliche Intelligenz das Fälschen journalistischer Arbeit erschreckend einfach gemacht hat.

Nicholas Hune-Brown berichtet für The Local über seine Entdeckung einer Autorin namens Victoria Goldiee. Ihre Arbeiten enthielten erfundene Zitate, nicht existierende Quellen und vermutlich KI-generierte Inhalte. Vier große Publikationen haben ihre Artikel inzwischen entfernt.

Die Recherche begann im September mit einem Pitch über Privatisierung im Gesundheitswesen. Der Vorschlag beeindruckte Hune-Brown mit detaillierter Recherche und Referenzen bei renommierten Medien wie The Globe and Mail und The Walrus. Doch als er angebliche Interviewpartner kontaktierte, hatte niemand mit Goldiee gesprochen.

Goldiees Portfolio umfasste Dutzende Artikel bei Publikationen wie The Guardian, Dwell, Business Insider und Vogue Philippines. Hune-Brown kontaktierte systematisch zitierte Personen aus ihren Geschichten. Professorin Juliet Pinto von der Pennsylvania State University bestätigte, nie mit Goldiee über Klima-Memes für Outrider gesprochen zu haben. Designerin Young Huh bestritt, Zitate für einen Dwell-Artikel geliefert zu haben. Eine Vertreterin der Architektin Barbara Bestor erklärte, sie hätten „definitiv nicht mit ihr gesprochen.“

Die Artikel zeigten charakteristische Merkmale von KI-Generierung. Sie mischten erfundene Anekdoten nicht existierender Menschen mit Zitaten realer Experten, die Dinge sagten, die plausibel klangen, aber nie tatsächlich geäußert wurden. „Das mir zugeschriebene Zitat ist die Art von Aussage, die ich machen würde,“ schrieb Professorin Elaine Sutherland von der University of Stirling, die in einer Geschichte zitiert wurde, zu der sie nie beigetragen hatte.

In einem Telefoninterview verteidigte Goldiee ihre Arbeit. Sie legte auf, als Hune-Brown sie mit Beweisen konfrontierte, dass ihre Quellen das Gespräch bestritten. Sie hatte behauptet, in Toronto zu leben, in London zu arbeiten, in Nigeria ansässig zu sein und als Amerikanerin zu schreiben. Die Angaben variierten je nach Publikation.

Nach dem Telefonat verschwand Goldiees Online-Portfolio. The Guardian entfernte ihren Oktober-Essay mit dem Hinweis „removed pending review.“ Dwell zog ihren Artikel zurück, da er redaktionelle Standards nicht erfüllte. Das Journal of the Law Society of Scotland entschuldigte sich bei den Lesern. Chefredakteur Joshua King schrieb, die Zitate seien „wahrscheinlich gefälscht.“

Hune-Brown sieht den Fall als Symptom eines degradierten Medienumfelds. Publikationen mit renommierten Namen arbeiten mit minimalem Personal. Faktenchecker wurden gestrichen. KI-Tools machen Fälschungen trivial einfach. „Freier Journalismus im Jahr 2025 ist ein unglaublich schwieriger Ort, um Karriere zu machen,“ schreibt er. „Aber er ist offenbar ein passables Terrain für Betrug.“

Der Fall Goldiee ist nicht isoliert. Der Chicago Sun-Times veröffentlichte im Sommer eine KI-generierte Leseliste mit nicht existierenden Büchern. Business Insider entfernte stillschweigend mindestens 34 Essays unter 13 verschiedenen Namen nach ähnlichen Entdeckungen. Die Torontoer Publikation The Grind musste eine Ausgabe verschieben, nachdem sie KI-generierte Geschichten über erfundene Orte erhalten hatte.

Der Skandal stellt Redakteure vor ein Dilemma. Nach der Goldiee-Recherche kehrte Hune-Brown zu seinem Posteingang mit Pitches zurück. „Als ich sie jetzt ansah, konnte ich nur noch den synthetischen Glanz künstlicher Intelligenz erkennen,“ schreibt er. Vielversprechende junge Autoren mögen darunter sein. Aber die Kosten der Verifizierung sind unerschwinglich geworden.

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